Marokko - Karawanen, Kasbahs und Sahraraträume

11.02. - 25.02.2010

Schneechaos in Deutschland. Unser Flieger nach Marrakesch via Casablanca startet ab Frankfurt, also nehmen wir lieber einen Zug früher zum Flughafen. Die Deutsche Bahn hat sogar nur 10 Minuten Verspätung, das Flugzeug hat dann allerdings vier Stunden Verspätung. Von dem von der Fluggesellschaft spendierten Verzehrgutschein gönnen Stephan und ich uns jeder ein großes Bier und harren der Dinge. Irgendwann geht es los, in Casablanca bekommen wir sogar noch einen Anschlussflieger. Allerdings scheint meine Reisetasche diesen Anschluss nicht bekommen zu haben. Leicht verzweifelt stehe ich eine halbe Stunde nach Ankunft immer noch ohne Gepäck vor einen Gepäckband, auf dem sich etwa 10 Koffer im Kreis drehen, die niemand haben will. Ich bekomme einen Zettel in die Hand gedrückt, mit der Aufforderung mich morgen wieder zu melden, dann sei der Koffer wieder da. Na hoffentlich.

Am nächsten Morgen schauen wir uns erstmal Marrakesch an, die Stadt die momentan einen Besucheransturm erlebt. Alle wollen unbedingt in das mystische und exotische Marrakesch, mal schauen ob es wirklich so toll ist. Unser Stadtführer führt uns durch die Highlights der Altstadt, die Saaditengräber, einen Palast, den Souk und in einen Gewürzladen. Die Fliesenmosaike und Schnitzereien begeistern mich gleich wieder, ich kann mich gar nicht satt sehen. Mustafa erklärt uns alles und lässt für Chauvisprüche keine Gelegenheit aus. Aber ich glaube, er will eigentlich nur provozieren und amüsiert sich köstlich. In dem Gewürzladen bekommen wir für ein paar Dirham auch noch eine Nackenmassage – die Männer vom Masseur, die Frauen von einer Masseurin. Das hat alles seine Ordnung hier.

  

               

Die Souks von Marrakesch sind ein verwirrendes Labyrinth, in denen ich total die Orientierung verliere. Unserer Reiseleiter Brahim wird uns später erzählen, dass selbst die Einheimischen, die in den Souks arbeiten, nur den Weg von Zuhause zu ihren Laden kennen, im Rest der Gassen kennen die sich auch nicht aus.

Aus Ägypten hatten wir Geschichten gehört, dass dort die Touristen fast schon in die Geschäfte gezerrt und genötigt werden etwas zu kaufen. Wir hatten die Befürchtung in Marokko würde das ähnlich sein, aber wir sind angenehm überrascht, als wir feststellen, dass die Verkäufer ein zweites entschiedenes „Nein“ akzeptieren und wir mit denen dann sogar ganz entspannt plaudern können. Aber entspanntes Bummeln und Umschauen ist das dann natürlich auch nicht.

War am ersten Tag das Wetter noch ganz o.k., regnet es am zweiten Tag. Vormittags besuchen wir einen eigentlich wunderschönen Garten, im Regen wirkt der aber nicht so richtig gut. Wir nehmen ein Taxi und fahren wieder in die Altstadt und laufen durch die Gassen des Souks. Wir finden im Gassengewirr sogar die von Brahim empfohlene Koranschule mit Museum, das war nicht so selbstverständlich, denn genaue Straßenkarten des Souks gibt es nicht. Die Koranschule ist ein wunderschönes Gebäude und das Museum mit den Berberexponaten auch sehr nett. Vor allem ist es dort trocken. Also schauen wir uns ausführlich um und als wir aus dem Museum herauskommen ist das Wetter auch schon besser geworden. Den Nachmittag verbringen wir Minztee trinkend auf der Dachterrasse eines Cafés am „La Place“, indem wir einfach nur das Treiben auf dem Platz beobachten. Zahlreiche Schlangenbeschwörer spielen die Tröte, um die Geschichtenerzähler sammeln sich Menschentrauben und bunt gekleidete Wasserverkäufer dienen tatsächlich nicht nur als Fotomotiv, sondern verkaufen auch immer noch Trinkwasser an Passanten. Alles in allem erscheint mir dieser Djemaa el Fna-Platz nicht als die reine Touristenveranstaltung, wie ich es erwartet hatte. Im Gegenteil – die Marokaner sind stark in der Überzahl.

               

Am nächsten Morgen verlassen wir Marrakesch. Gespannt auf das Marokko außerhalb der Großstadt sitze ich im Bus und schaue aus dem Fenster. Der Tag ist leider immer noch etwas regnerisch, aber dennoch beeindruckt mich die Schönheit der Natur. Grüne Felder und immer wieder im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel des Atlasgebirges. Kurz vor dem Tizi n´Tischka-Pass halten wir an einer Ansammlung einiger Häuser an, die ich kaum als Dorf betiteln mag. Es gibt einige Lebensmittelgeschäfte, Cafés und Schlachter. Bei den Schlachtern werden hier die Rinderhälften immer nach draußen gehangen, anscheinend damit der Käufer sich von der Qualität überzeugen kann. Ich finde das ja etwas gewöhnungsbedürftig.

Der höchste Pass Marokkos ist relativ unspektakulär, die Ausblicke auf der Fahrt entlang der Passstraße dafür umso mehr. So vergeht die Zeit wie im Fluge, bis wir Telouet erreichen. Hier steht ein recht verfallene Kasbah, eine alte Wehrburg, die wir uns anschauen wollen. Neuerdings muss hier Eintritt bezahlt werden und anscheinend wird dieses Geld nicht in den Erhalt der Kasbah investiert. Der alte Stampflehmbau bröselt vor sich hin und überall nisten die Störche, die hier ihr Winterquartier bezogen haben. Die Haupträume der Burg sind dann aber erstaunlich gut erhalten und rauben mir mit ihren kunstvollen Mosaikfliesen fast den Atem. Ist das schön! Für mich ist es recht schwer vorstellbar, wie hier früher die Menschen inmitten dieses Kunstwerks ihr normales „Wohnzimmer“ eingerichtet hatten.

               

Nachmittags fahren wir dann weiter nach Ait Benhaddou. Hier steht eine weitere Kasbah und drum herum noch ein altes Dorf aus lauter Stampflehmhäusern. Es diente wohl schon öfter als Filmkulisse, vor allem für Bibelverfilmungen. Genauso stelle ich mir aber auch eine Stadt vor 2000 Jahren vor, allerdings wohnen hier jetzt immer noch Leute drin. Unten am Fluss stehen ein paar geschäftstüchtige Männer mit ihren Maultieren und befördern für 20 Dirham die Touristen die 10 Meter durch die Furt hindurch. Wir amüsieren uns köstlich, als ein Muli abhaut und den Fluss hinunter gallopiert, während sein Besitzer verzweifelt versucht es wieder einzufangen. Das Muli hatte bestimmt die Nase voll von schwankenden Touristen auf seinem Rücken…

Und weiter geht es das Draa-Tal hinunter. Morgens schauen wir uns noch die Kasbah in Quarzazate an, die auch ganz hübsch ist, mich aber nicht so sehr begeistert wie die in Telouet. Keine ganz so beeindruckenden Mosaikfliesensäle… Dafür lerne ich hier den Unterschied von arabischer und berberischer Architektur: Die Araber haben die Fenster auf Bodenhöhe gebaut, damit man hinaus schauen kann, wenn man auf dem Fußboden sitzt (wie es hier üblich ist). Bei den Berbern sind die Fenster höher angebracht.

Mittags sollen wir in einem Dattelpalmenhain ein Picknick machen, allerdings fängt es so heftig an zu regnen, dass damit in keinster Weise zu rechnen ist. Stattdessen werden wir in das private Gästezimmer des Cafébesitzers geführt, sitzen dort auf Berberteppichen auf dem Boden und bekommen ein leckeres Tajinegericht serviert. Und natürlich wieder Minztee. Das nenne ich mal ein nobles Picknick. Als Toilette benutzen wir die Toilette der Familie im Hinterhof. Die Tür dorthin ist etwa 1,5 Meter hoch und 0,5 Meter breit. Wir großen Deutschen haben einige Mühe uns dort hinein zu quetschen, aber letztendlich hat es doch jeder geschafft.
Als wir mit unserem „Picknick“ fertig sind, hat sich der Regen verzogen und wir machen doch noch wie geplant einen Spaziergang durch die Palmenhaine. Es ist sehr idyllisch, unter den Dattelpalmen wird Weizen angebaut, der quietschgrün den Boden bedeckt. Die Dattelbauern hier im Draatal sind zum Teil sehr wohlhabend, da die Dattelernte sehr viel Geld bringt. Letztendlich hängt aber alles von der Bewässerung ab und Brahim erklärt uns das Bewässerungssystem und vor allem die Regelung der Wasserrechte. Wer bekommt wann wie viel Wasser ist hier ein sehr entscheidendes Thema und wird mit der entsprechenden Ernsthaftigkeit in einer Art Bürgervertretung behandelt.

               

Am späten Nachmittag erreichen wir Zagora, wo wir uns die obligatorischen Tücher kaufen, die man sich in der Wüste um den Kopf wickelt. Wir alle freuen uns wie Kinder und fotografieren uns gegenseitig mit den Tüchern auf dem Kopf. Damit gibt es dann auch noch ein Gruppenfoto vor dem Schild „52 Tage bis Timbuktu“. Das wäre sicher auch mal eine interessante Route, für das erste bin ich mit unseren geplanten sechs Tagen in der Wüste auch zufrieden…

Am nächsten Morgen geht es dann los, ich bin etwas aufgeregt. Alles was ich tagsüber in der Wüste benötigen werde kommt in meinen Tagesrucksack, der Rest in meine Reisetasche (die übrigens tatsächlich am zweiten Tag in Marrakesch angekommen ist, wenn auch kaputt).

Auf dem Weg nach Mhamid besuchen wir erst noch eine alte Bibliothek, in der viele alte Schriften aus dem arabischen Raum aufbewahrt werden. Unser Führer dort ist ein lustiger Kauz: Er bietet die Führung auf Deutsch an, aber eigentlich kann er nur ein paar deutsche Wörter. Ich bin mir nicht mal sicher ob der die Bedeutung genau kennt, oder ob er sie nur auswendig gelernt hat. „Allemagne, guten Tag, Koranschuuuule, 4000 Buuurscha, Katzenhaut, Eltenschriften, Astronomie, Astrologie, Erbrecht, türkische Unterbuch, Berbersprache, Stammbaum, Stadtplan Kairo, Gedickte, Poesie, Koranausleeegung, Tiiiiere …“, dazu nimmt er bevorzugt die blonde Lena an die Hand, zeigt auf die Bücher und sagt „Schau Schau!“ Leider vergisst er die von Brahim angekündigten „4000 Manuskripse“, aber wir amüsieren uns auch so köstlich.

Im selben Dorf schauen wir uns auch noch kurz eine Töpferei an, in der die so typischen bunten Keramiken von Hand angefertigt werden, und dann fahren wir tatsächlich in die Wüste. Mit unserer Begleitmannschaft mit den Kamelen treffen wir uns an einen Campingplatz in Mhamid. Aber erst mal essen wir dort Mittag, während draußen ein schon nicht ganz so leichter Wind über den Sand fegt. Einer der Angestellten dort meint auch noch, es wäre keine gute Idee in der nächsten Woche in die Wüste zu gehen, aber der will uns doch nur ärgern. Oder?

                               

Nach unserer Mittagspause warten wir noch etwas bis die Kamele fertig beladen sind, dann laufen wir los. Ich wickle mir das neu erworbene Tuch so um den Kopf, dass möglichst wenig Sand zwischen Tuch und Sonnenbrille den Weg in meine Augen findet. Klappt nicht ganz, aber eine bessere Variante gibt es auch nicht. Meine Augen fangen an zu tränen und ich habe nach einiger Zeit Matschränder unter den Augen.

Nach kurzer Wanderung kommen wir an unseren Lagerplatz an. Unsere 2-Personenzelte lassen sich im Sturm noch ganz gut aufbauen, unsere Begleiter haben da mit den großen Gemeinschaftszelte schon mehr Probleme. Letztendlich steht alles, unser Gepäck ist in unseren Zelten verstaut und wir sitzen im Gemeinschaftzelt, als es anfängt zu regnen. Der Regen wird etwas stärker. Stürmen tut es ja auch noch. Und dann wird der Regen richtig heftig. Die ersten laufen hektisch nach draußen, um nach ihren Zelten zu schauen und wir im Gemeinschaftszelt stellen fest, dass das Wasser hinein läuft. Die Berber beginnen im strömenden Regen einen Graben um das große Zelt zu buddeln und wir versuchen drinnen einen trockenen Flecken zu finden, auf dem wir die Matratzen stapeln können. Darauf soll die Mannschaft ja noch schlafen. Ein pitschnasser Christian kommt zurück und berichtet dass er nicht weiter weiß, sein Zelt säuft gleich ab. Da kein Spaten mehr übrig war, hat er versucht mit einem Plastikteller einen Graben um sein Zelt zu ziehen, aber es war einfach zu viel Wasser.

Da hören ganz plötzlich der Regen und der Wind auf und im Dunkeln inspizieren wir im Schein der Taschenlampen die Zelte. Einige stehen in riesigen Wasserpfützen und müssen versetzt werden. Stephans und mein Zelt ist noch ganz glimpflich davon gekommen, der Boden ist etwas feucht, aber der Rest ist trocken geblieben.

Nachts wache ich dann vom Prasseln auf, es regnet wieder. Ein Gewitter zieht vorbei, sehr weit weg hört es sich nicht an, was bei mir ein etwas mulmiges Gefühl hinterlässt. Irgendwann schlafe ich aber wieder ein und am nächsten Morgen sieht das Wetter auch gar nicht so schlecht aus. Wir packen unsere nassen Zelte zusammen und essen im Gemeinschaftszelt Frühstück. Es gibt Fladenbrot, Frischkäse und Marmelade, sogar Müsli mit Milch, allerdings aus Milchpulver. Aber löslicher Kaffee schmeckt ganz gut, wenn man sich darauf einlässt.

Wir laufen durch die Wüste. Teils besteht sie aus Sanddünen, teilweise aber auch aus riesigen Steinfeldern. Ich schaue mich um und nehme erst mal die Eindrücke dieser für mich so fremden Landschaft auf. Ab und zu machen wir kleine Pausen und essen etwas Trockenobst, das Brahim für uns organisiert. Vom Regen ist der Sand relativ fest, es lässt sich gut darauf laufen. So kommen wir gut voran und am späten Mittag sind wir an unseren Lagerplatz angekommen. Neben einer großen Düne stellen wir unsere Zelte auf, danach steige ich auf die Düne und schaue mir die Umgebung an. Am Horizont sind die Berge des hohen Atlas zu sehen, ansonsten Sanddüne an Sanddüne. Der stetige Wind hat Muster in der Oberfläche hinterlassen und je nach Sonnenstand strahlen die Farben des Sandes in einer anderen Farbe. Stephan springt die steilen Dünenkämme hinunter und hat danach Sand in den Socken.

Es ist ein gemütlicher Nachmittag und nach einer leckeren Lamm-Tajine zum Abendessen liest Brahim uns noch eine Geschichte aus 1001 Nacht vor. Als wir dann ins Bett gehen fällt mir schon auf, dass man gar nichts mehr von dem tollen Sternenhimmel sieht, es sind Wolken aufgezogen. Und tatsächlich, kaum sind wir im Zelt, fängt es an zu regnen. Es gewittert in der Nacht nochmal so stark, dass ich unsere Begleitmannschaft höre, wie sie mit Taschenlampen um die Zelte laufen, und schauen ob alles in Ordnung ist. Nervös taste ich den Zeltboden neben unseren dünnen Matratzen ab. Aber er fühlt sich relativ trocken an. Also bemühe ich mich ruhig zu bleiben und schlafe tatsächlich wieder ein.

Am nächsten Morgen gegen halb sieben stehen wir wieder auf, packen unsere Sachen zusammen und bauen das Zelt ab, bevor wir uns zum Frühstücken in das Gemeinschaftzelt setzen. Wir plaudern ganz gemütlich über die Erlebnisse der Wüstennacht und sind fas fertig mit Essen, als plötzlich wieder ein Unwetter über uns hereinbricht. Die Sturmböen sind so stark, dass die massive Eisenstange, die das große gemeinschaftszelt in der Mitte stützt, sich neigt. Brahim sieht es kommen, springt auf und versucht die Stange zu stützen, aber da bricht sie schon durch und er kann nur noch versuchen, sie kontrolliert auf den Boden abzulassen. Die Männer helfen ihm, wir anderen suchen krabbelnd die Frühstücksachen zusammen und bringen uns aus dem Zelt hinaus in Sicherheit. Draußen tobt der Sturm weiter, die Berbermannschaft läuft über den Platz und sammelt unser herumfliegendes Gut zusammen und deckt unser Gepäck ab. Eine Matratze segelt von dannen und ist nicht mehr wieder zu bekommen. Vor den schlimmsten Regen finden wir unter der Gepäckplane Unterschlupf. So hatte ich mir mein Trekking durch die Wüste eigentlich nicht vorgestellt…

Als Sturm und Regen sich einigermaßen gelegt haben, beschließt Brahin loszulaufen. Nieselregen mit Sand vermischt peitscht mir ins Gesicht, ich bin nicht so wirklich begeistert. Außerdem habe ich keine Regenhose dabei und trage auch nur meine einfache dünne Regenjacke, da ich beim Kofferpacken nicht wirklich damit gerechnet habe, dass ich in der Sahara meine Regenausrüstung brauche. Aber man lernt ja nie aus. Nach einiger Zeit legt sich auch der Regen, da wird das Laufen wieder angenehmer. Wir kommen an einem festen Touristenzeltcamp vorbei, das schlimm verwüstet wurde. Hier können Touristen für mehrere Tage fest in Berberzelten campieren und Tagesausflüge in die Wüste machen. Der Stürm hat sie wohl schon vor Sonnenaufgang im Schlaf erwischt, etwas planlos laufen sie nun über die am Boden liegenden Zelte, aber es ist niemanden etwas passiert und das ist doch das wichtigste.
Brahim kennt den Betreiber und wir bekommen erst mal einen Minztee serviert. Eine willkommende Aufwärmung für uns, aber als wir länger dort sitzen wird mir kalt und ich bin froh als wir weiterlaufen.

Eigentlich hätten wir einen Fluss queren sollen, aber die Karawane ist dort vorbei gelaufen und berichtet, dass das Wasser so hoch ist, dass wir dort nicht durch kommen. Also wird die Etappe recht kurz und wir schlagen unser Camp neben einem trockenen Flussbett auf einem Steinfeld auf und präparieren unsere Zelte bestmöglich für ein eventuell kommendes Gewitter. Wir ziehen tiefe Gräben um die Zelte und da uns etliche Heringe abhanden gekommen sind, schleppen wir große Steine heran und beschweren die Zeltwände damit. Einige versuchen die fehlenden Heringe mit Stöcken zu ersetzen, das sieht mir aber nicht so ganz stabil aus. Die Berber reparieren die zerbrochene Eisenstange des großen Zeltes notdürftig, es ist erst mal ist alles ganz gemütlich. Wir erkunden wieder etwas die Umgebung, schauen den Kamelen zu wie sie mit den angelegten Fußfesseln auf Nahrungssuche gehen. Schwalben schwirren durch die Luft und wir amüsieren uns darüber, wie sie versuchen im Gemeinschaftszelt ihr Nachtlager aufzuschlagen und es dann aber wieder aufgeben.

Als wir am späten Nachmittag teetrinkend um das Lagerfeuer herum sitzen, schaut Stephan zur Sonne, die plötzlich nur noch ein milchiger Ball am gelben Himmel ist. „Das sieht nicht gut aus, das ist in fünf Minuten hier“ sagt er. Dann schiebt er noch ein „Oder früher“ hinterher, da laufen wir auch schon zu unseren Zelten. In dem Moment in dem ich am Zelt ankomme bricht das Gewitter los, der Wind tobt und der Regen peitsch durch die Luft. Das Zelt beugt sich im Wind, das ich Angst bekomme, die Aluminiumstangen könnten das nicht aushalten. Ich stütze unser Iglozelt vorne gegen den Sturm ab, Stephan hält es hinten fest. Das Gewitter zieht direkt über uns hinweg, Blitz und Donner folgen direkt aufeinander und ich hoffe nur, dass der Blitz nicht einschlägt während wir die Zeltstangen fest halten. Aber ganz plötzlich ist alles vorbei. Als wir aus dem Zelt schauen erscheint am Himmel ein prächtiger Regenbogen, als wolle sich die Natur für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.
Ich schaue mich im Lager um, alles steht noch, auch das Gemeinschaftszelt mit der geflickten Stützstange. Der Graben um unser Zelt herum scheint gute Arbeit geleistet zu haben, er ist randvoll mit Wasser. Wir scheinen alle recht viel Adrenalin im Blut zu haben, wir reden aufgeregt durcheinander und sind alle ganz glücklich dass es heil überstanden scheint.

Wir sitzen dann noch mit den Berbern zusammen am Lagerfeuer und schauen zu, wie in der Wüste Brot gebacken wird. Ein einfacher Hefeteig wird zu einem Fladen geformt und unter die heiße Asche des Feuers gelegt. Nach einiger Zeit klopft Yusuf mit einem Stock auf dem Brot herum, wenn sich der Ton richtig anhört, wird es gewendet. Da scheint mir viel Erfahrung für notwendig zu sein. Die Wartezeit auf das Brot überbrücken wir mit singen und Trommeln: Ein leerer Wasserkanister dient als Trommel, die Berber singen mit kegligen Stimmen Lieder, die wir nicht verstehen, dafür klatschen wir im Takt. Zum Lagerfeuer und den Sternenhimmel ist das eine ganz besondere Stimmung, ein unvergesslicher Abend. Das Brot bekommen wir dann später zu unserer Gemüsetajine serviert, ist das lecker!

Die Nacht ist trocken geblieben, dennoch ist das Zelt morgens vom Tau ganz nass. Wir packen früh am Morgen wieder alles zusammen und machen uns nach dem Frühstück auf den Weg. Wieder wechselt die Wüste zwischen Sand, Lehm und Steinen. In den Steinfeldern halten wir mittlerweile eifrig Ausschau nach Versteinerungen. Wenn man etwas genauer hinschaut, findet man etliche Steine mit eingeschlossenen Urzeitkrebsen oder ähnlichen. Vor zig Millionen Jahren war das hier ein Meeresgrund und die Krebse finden sich immer noch in den Steinen wieder. Anfangs habe ich noch begeistert jeden Stein eingesammelt den ich gefunden habe, mittlerweile habe ich schon so viele, dass ich wählerisch geworden bin.
Es gibt auch die interessantesten Verwitterungsformen der Steine zu beobachten. Brahim erklärt uns die Unterschiede der Wollsack- und Kernsprungverwitterung, wieder etwas dazu gelernt. Ich habe es das Gefühl, als wenn die Wüste mich lehrt genau hinzuschauen. Blickt man einfach nur grob über die Wüste hinweg, sieht alles gleich aus. Achtet man aber auf die Details, finden sich so viele interessante Dinge! Verwitterungsformen, Tierspuren im Sand, zahlreiche Pflanzen und vieles mehr. „Die Wüste lebt“ hatte schon Walt Disney erkannt.

               

Wir übernachten in der Nähe einer Quelle, dort gibt es ausreichend Wasser zum Haare waschen. Die Männer rasieren sich, was angeblich ohne Spiegel gar nicht so einfach war. Ich wasche mir zusätzlich auch das Gesicht, wodurch den Rest des Abends das Gefühl habe, als würde meine Haut vor Sauberkeit strahlen. Nach all den Tagen ohne Wasser zum Waschen fühlt sich das traumhaft an. Und das Wetter scheint jetzt auch stabil gut zu bleiben, da kann es ja kaum noch besser werden.

               

Der letzte Tag unseres Wüstentrekkings bricht an. Wir laufen wieder durch traumhaft schöne Landschaften, irgendwie wird es gar nicht langweilig. Aber auf eine Dusche freue ich mich doch schon. Wir klettern über Unmengen von Dünen, das wird mit der Zeit recht anstrengend. Als letztes besteigen wir eine sehr hohe Düne. Von dort oben hat man eine fantastische Aussicht auf das „Wüstenmeer“ um uns herum. Ich frage mich, wie Brahim sich inmitten all dieser Sanddünen orientiert, sie sehen alle gleich aus. Als waschechter Berber hat er aber anscheinend einen eigebauten Navigator, er findet immer den Lagerplatz, an dem die Karawane auf uns wartet. Er erzählt eine Geschichte, in der sich in der Wüste eine Gruppe geteilt hat. Abends wollten sie sich wieder treffen, bei eintretender Dunkelheit haben sie sich aber nicht gefunden. Bevor sie sich weiter verlaufen haben beide Gruppen einfach dort campiert wo sie gerade waren, nämlich am Fuße einer großen Düne. Am nächsten Morgen sind sie bei Tageslicht auf die Düne gestiegen und haben sich auf dem Gipfel getroffen. Sie haben auf entgegengesetzten Seiten der Düne übernachtet, keine 50 Meter voneinander entfernt. Und sowas passiert in der Wüste ganz schnell.

Wir befinden uns mittlerweile wieder am Rand der Wüste, die nächste Siedlung mit Autopiste ist nur noch etwa fünf Kilometer entfernt. Nach kurzer Zeit kommt eine kleine Horde Jungs zu unserem Lagerplatz. Ich frage mich, wie sie trotz der fünf Kilometer unsere Ankunft so schnell mitbekommen haben. Würden wir während der ganzen Woche heimlich begleitet und beobachtet? Wie sich aber herausstellt wohnt Yusuf Familie in dem Dorf und er hat dort gleich nach seiner Ankunft vorbei geschaut. Zurückgekommen ist er mit seinem Motorrad, das jetzt hinter einer Düne versteckt steht. Für mich ein seltsam anmutender Anblick: Ein Motorrad inmitten dieser Naturlandschaft.

Wir haben wieder einen wunderschönen Sonnenuntergang und ein letztes Mal singen wir mit den Berbern zusammen am Lagerfeuer und vertreiben uns so die Zeit beim Brot backen. Die Tage in der Wüste sind so schnell vorbei gezogen. Es tat gut mal völlig von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, nur das, was um uns herum geschah war wirklich wichtig.

Am nächsten Morgen sollen wir eigentlich von zwei Jeeps abgeholt werden. Wir stehen pünktlich parat, es sind aber keine Jeeps in Sicht. Brahim hat keinen Handyempfang, aber nachdem wir einige Zeit gewartet haben wird klar, dass da etwas nicht stimmt. Wir laufen mit der Karawane zusammen zu dem kleinen Dorf an der Piste und schauen dort, was passiert. Es ist sehr interessant aus der Wüst hinaus zu laufen. Langsam wird die Vegetation immer dichter, die Wolken hängen an den Ausläufern des Atlasgebirges, dann tauchen auch erste Ziegenherden auf. Am Rande des Dorfes entladen wir die Kamele. Schnell finden sich erste Kinder ein, die uns gespannt beobachten. Als letztes kommen zwei ganz kleine Kinder, die man gerade laufen können und nähern sich uns schüchtern Hand in Hand. Brahim geht auf sie zu und spricht sie an, aber das muss ihnen einen heftigen Schreck einjagen: Sich aneinander festhaltend laufen sie so schnell sie können laut schreiend ins Dorf zurück. Da steht für uns fest: Brahim ist ein Kinderschreck! ;-)

Schnell bekommen wir heraus, dass es um uns herum schreckliche Unwetter gegeben haben muss, der Straße ist im Norden zerstört wurden. Also konnten die Jeeps anscheinend nicht zu uns durchkommen. Ob und wann unser Transport eintreffen wird, wissen wir nicht. Yusuf lädt uns zu sich nachhause in das Dorf ein. In einen großen Berberzelt aus Kamelwolle setzen wir uns auf die am Boden liegenden Teppiche und trinken erst mal Minztee. Ich finde das alles ganz spannend, es ist für mich fast schon ein Glücksfall hier gestrandet zu sein. Wir spielen mit den Kindern Werfen und Fußball, dann schaue ich mich ausgiebig im Dorf um. Das sind alles einfachste Steinhütten, als „Wohnzimmer“ dienen anscheinend die großen Zelte. In einen Stall werden die kleinen Zicklein gehalten, damit sie ihren Müttern die Milch nicht wegtrinken. Die Ziegen sind auf den Weiden, abends nachdem sie gemolken wurden kommen die Mütter erst wieder zu ihren Jungen. Die bekommen dann zu trinken was die Melkerinnen für die Kleinen übrig gelassen haben.

               

Zum Mittag bekommen wir ein Linsengericht gekocht, vorher müssen die Linsen noch von kleinen Steinchen befreit werden. Für uns, die wir unsere abgepackten Linsen fertig gereinigt im Supermarkt kaufen, ist es gar nicht klar wie viel Arbeit das tägliche Essen machen kann.

Lena studiert Landwirtschaft und hat auf ihrem Handy einige Fotos von deutschen Bauernhöfen. Große Trecker, Kühe und was sonst noch so auf einen Bauernhof anfällt. Für die Berber aus diesen abgelegenen Dörfern muss das wie eine fremde Galaxie erscheinen, gebannt scharen sie sich um Lena und gucken sich die kleinen Fotos an. Stephan macht ein paar Portraits der Berber, sie haben so interessante Gesichter. Da fragen sie, ob sie sich die Kamera mal anschauen dürfen, sie wollen JEDES Foto sehen, dass er in der Wüste gemacht hat und bestaunen hinterher den kleinen Chip, auf dem all diese Bilder gespeichert sind.

Am späten Nachmittag kommen dann die Jeeps. Die Fahrer mussten einen weiten Umweg fahren und aus dem Süden zu uns heran fahren. Es ist zwar schon ganz schön spät und wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber Brahim entscheidet loszufahren. Wir fahren bei spektakulärem Abendrot aus der Wüste hinaus und kommen mitten in der Nacht in Tata an. Hier als erstes die ersehnte Dusche, dann was zu Essen und danach falle ich todmüde ins Bett.

In der letzten Nacht haben wir wegen der Dunkelheit ja nichts von der Umgebung gesehen, aber als wir am nächsten Morgen von Tata aus Richtung Taroudant fahren, bin ich von den ockerfarbenen Bergen begeistert. Man sieht ganz deutlich die Linien der einzelnen Gesteinsschichten, die Kräfte die diese Berge geformt haben müssen gigantisch gewesen sein. Brahim erzählt, dass man diese Landschaft auf „Marmorkuchenberge“ nennt, wegen der sichtbaren Schichten.

Unterwegs halten wir gelegentlich an, um besonders schöne Aussichtspunkte zu genießen und um die Bäume zu betrachten, an denen die Früchte für das berühmte Arganöl wachsen. Das sind die Bäume, in denen die Ziegen herum klettern und die Früchte zu fressen. Die wollte ich so gerne fotografieren! Allerdings wurde der Weizen unter den Bäumen gerade frisch ausgesät, daher sind die Ziegen im Stall. Schade, aber ist auch nicht so schlimm.

Taroudant ist eine ganz nette Stadt, wie ein kleines Marrakesch. Hier besichtigen wir die Altstadt und kaufen all die großen und sperrigen Souvenirs, die wir vor dem Trekking nicht kaufen durften. Stephan und ich verhandeln heftig um zwei große bunte Keramikschalen und tragen sie danach Stolz durch die Gassen.

Den letzten Tag verbringen wir am Atlantik in Agadir. Erst hier bekommen wir mit, wie stark die Unwetter gewesen sein müssen, die über Marokko hinweggefegt sind. Auf dem Weg nach Agadir haben wir schon mehrmals weggerissene Straßenabschnitte gesehen, riesige Pfützen und ein Flussbett, das sonst nie Wasser führt, ist nun randvoll. Wir erfahren dass im Norden Marokkos eine Moschee eingestürzt ist, viele Familien obdachlos geworden sind und dass es mehrere Tote gab. Stephan und ich rufen erst mal schnell zuhause in Deutschland an, um uns lebend zurück zu melden. Aber anscheinend war Marokko dort nicht in den Nachrichten, es war eher von Madeira die Rede.

In Agadir wurde von den Wellen der Strand weggerissen, die Aufräumarbeiten laufen gerade an. Dennoch laufen wir etwas durch die immer noch brausende Brandung und fahren dann nochmal mit einen Taxi in das Marktviertel. Dort bummeln wir noch etwas herum bevor wir zurück in unser Hotel fahren. Abend gehen wir zum Abschied in ein besonders schickes und leckeres Restaurant uns spazieren hinterher an der Strandpromenade zurück zu unserem Hotel. Am nächsten Morgen geht es früh via Casablanca zurück nach Deutschland.

Dies war keine Reise für Dünenumgeher und Kamelschattenläufer, aber uns hat sie so viel Spaß gemacht und wir finden das Land so interessant, dass wir ernsthaft darüber nachdenken nächstes Jahr im Sommer wieder mit Brahim die Trekkingtour durch den hohen Atlas zu machen.

Reiseveranstalter: Wikinger-Reisen