Brasilien - von Rio nach Salvador

24.02. - 17.03.2008

Abflug spät abends in Frankfurt. Nanu, der Flieger wird ja gar nicht richtig voll? Umso besser, ich kann mich in meiner dreier Reihe richtig breit machen, nehme nach dem Essen eine Schlaftablette und schlafe die Nacht tatsächlich relativ gut durch. Für mich, die im Flieger sonst gar nicht schlafen kann, ist das schon ein ganz gutes Ergebnis.

Nach einen Zwischenstopp in Sao Paulo landen wir den späten Vormittag in Rio de Janeiro uns werden dort am Flughafen von Patrick, unseren Guide für die nächsten drei Wochen empfangen. Die Gruppe ist überschaubar, nur fünf Leute. Aber das kann ja auch ganz nett sein. Patrick erzählt, dass es in den letzten Tagen mit dem Wetter immer etwas problematisch war, und da momentan die Sicht gerade ganz gut ist, schlägt er vor, direkt vom Flughafen aus zur Christusstatur zu fahren. Später am Nachmittag könnte sie in den Wolken verschwunden sein. Klar, machen wir und so fahren wir direkt zum Corcovado. Die Aussicht von dort oben ist gigantisch, die Touristenmengen auch. Da stehe ich nun zwischen den Unmengen von Reisenden aus aller Welt, schaue auf Rio den Janeiro hinunter und versuche zu realisieren, dass ich nun dort bin, worauf ich mich schon seit Wochen gefreut habe. War ich nicht eben gerade noch in Deutschland?



Weiter zum Hotel geht es durch den atlantischen Küstenregenwald zum Hotel. Wir machen uns kurz frisch und starten dann zu einer Fahrradtour an den Stränden entlang. Die Fahrräder sind recht bescheiden, aber es tut ganz gut einfach nur etwas die Leute am Strand anzugucken. Die brasilianischen Strandschönheiten, wie man sich das immer vorstellt, finden sich hier nur sehr vereinzelt. Schließlich kommen wir an einer etwas höher gelegenen Strandbar an und stoppen um eine eisgekühlte Kokosnuss zu trinken. In der Hitze ist das eine Wohltat!Abends besuche wir ein Cherrasco-Restaurant: Für einen Pauschalpreis gibt es Buffet und vor allem Fleisch satt. Die Kellner kommen immer wieder mit Fleischspießen vorbei und empfehlen ihre frisch gegrillten Spezialitäten. (Dies ist das Fleisch aus dem Buckel, dies die Schulter,) Das Fleisch ist so lecker! Nur Birgit, unsere Vegetarierin kommt etwas zu kurz und das wird ihr im Laufe dieser Reise noch öfter passieren…

                                              

Rio City

Morgens fahren wir mit der U-Bahn in das moderne Zentrum von Rio. Ich muss daran denken, dass es immer heißt Rio wäre eine der schönsten Städte der Welt. Hier im Zentrum erschließt sich das mir nicht ganz. Viele hässliche Hochhäuser, aber in deren Mitte steht tatsächlich ein altes Kloster. Wir schauen etwas beim Gottesdienst zu und Patrick übersetzt. Der Priester wettert über das Lotterleben an den Stränden und das niemand mehr Verantwortung für sein Leben übernimmt. Die Gläubigen sitzen dicht gedrängt in den Reihen und applaudieren und geben zustimmende Rufe ab, wenn sie nicht gerade an der Seite der Bänke knien und Heiligenfiguren anbeten. Das ist so ein ganz anderer Gottesdienst als ich ihn je erlebt habe, so voller Emotionen und Stimmung. Später treffen wir noch den Priester, es ist tatsächlich ein Deutscher, der aber schon seit sehr vielen Jahren in Brasilien ist und lustige Geschichten erzählt. Anscheinend färbt die Lebenslust hier auch auf die Priester und Mönche ab.



Wir fahren mit einer uralten Straßenbahn einen halsbrecherischen Kurs nach Santa Tereza, einem höher gelegenem Viertel. Hier ist es sehr schön und ruhig, viele alte Kolonialbauten und vor allem immer wieder eine tolle Sicht über die Bucht, in der Rio den Janeiro liegt. Danach fahren wir wieder ins geschäftige Zentrum, in dem es zwar auch noch viele schöne Altbauten gibt, aber auch immer wieder moderne Neubauten, die nicht immer schön anzuschauen sind. Mit einem Bier unter einer Bar-Markise warten wir den Regen ab und plaudern über die brasilianische Geschichte und fahren dann schließlich wieder zurück ins Hotel.



Adieu Rio

Wir verlassen Rio bei Sonnenschein über eine 13 km lange Brücke und halten noch beim Oskar-Niemeier Museum. Das ist ein brasilianischer Architekt, der gerade in der Hauptstadt Brasilia viele futuristische Gebäude errichtet hat. Das Museumsgebäude soll einer Blütenknospe gleichen und hat als Besonderheit denselben Außenwinkel wie der Zuckerhut von Rio.



Weiter fahren wir nach Alfredo Chaves, einem Paraglidingmekka nördlich von Rio, in dem viele Nachkommen von italienischen Auswanderern leben, und tatsächlich sehen die Leute hier alle sehr italienisch aus…

Abendteuer No 1

Gleich am nächsten morgen geht es zum ersten Abendteuer: Abseilen am Wasserfall. Da es hier gerade Ende der Regenzeit ist, hat der Wasserfall richtig viel Wasser und tobt die 60 Meter hinab. Wir bekommen eine kurze Einweisung und dann geht es auch schon los. Ich stehe da oben und bin erst noch ganz ruhig. Aber mit jedem meiner Reisegenossen, der hinter dem Felsvorsprung verschwindet werde ich nervöser… Als ich dann dran bin, rast mein Herz ganz schön. Ich konzentriere mich auf den Felsen, meine Füße und bekomme leider von der schönen Landschaft gar nichts mit. Außer das ich ab und zu einen Schwall Wasser vom Wasserfall abbekomme. Unten angekommen wackeln mir ganz schön die Knie und ich muss erstmal einen Moment stehen bleiben, bevor ich den Trampelpfad wieder hochlaufen kann.

         

Auf dem Rückweg fahren wir noch an einer Cachaca-Brennerei vorbei und lassen uns zeigen, wie der Alkohol für das Nationalgetränk Caipirina gebrannt wird. Für einen Euro die Flasche decken wir uns natürlich dabei auch noch gut ein…



Über den Wolken…

Am nächsten Tag steht dann das an, wovor ich am meisten Bedenken hatte: ein Paragliding Flug. Wieder habe ich ein recht mulmiges Gefühl im Magen, aber diesmal ganz unbegründet. Mit dem Profi-Flieger auf dem Rücken laufe ich einen steilen Abhang hinunter bis der Wind in den Schirm greift und uns sanft nach oben hebt. Da schwebe ich nun über all diesen grünen Hügeln und kann mich gar nicht satt sehen an dieser wunderschönen Landschaft. Ich hätte ewig so weiterfliegen können.



Da ich als eine der ersten gesprungen in habe ich unten im Dorf noch etwas Zeit mich umzuschauen. Mir kommt sogar ein reiter auf dem Maulesel entgegen. Er schaut aus wie ein brasilianisches Klischee, aber tatsächlich werde ich auf dieser Reise noch öfter Reiter sehen, es scheint eine ganz normale Fortbewegung zu sein. Sogar mitten in einer Stadt auf einer viel befahrenen Straßen kam seelenruhig eine Frau vorbei gallopiert.



Dünenreiten

Aber ich gehe ja auch noch reiten. Nach dem Paragliden fahren wir nach Itaúnas an die Küste. Der Ort ist bekannt für sein Schildkrötenschutzprojekt und riesige Wanderdünen, die in den 60er Jahren das ursprüngliche Dorf verschluckt haben. Nach den Erzählungen von dem Kirchturm, der noch aus der Düne herausschaut laufe ich auch kreuz und quer über die Dünen, bis mir Patrick schließlich die paar zerfallenden Mauersteine zeigt, die noch zu sehen sind. Ziemlich endtäuscht ziehe ich wieder von dannen, da hatte ich mir mehr vorgestellt.

Der Ort Itaúnas selbst ist nicht so spektakulär. Ein kleiner Urlaubsort der in der Saison von vielen Brasilianern besucht wird, jetzt in der Nebensaison herrscht hier aber absolute Leere. Der Strand ist zum Baden auch nicht so schön, zum Reiten aber perfekt. Morgens treffen wir Ricardo, unseren Reitguide, der uns die Pferde zuweist. Meins heißt Canario und ist anfangs etwas unwillig, später beim Galopp am Strand aber kaum aufzuhalten. Wir machen an einer Station am Meer halt, die den Namen Strandbar kaum würdig ist. Ein paar klapprige Plastikstühle unter einem Strohdach, aber ein riesiger Kieferknochen eines Wals, der hier mal gestrandet ist. Wir liegen etwas in der Sonne rum, lassen die Pferde dösen, trinken eine Cola und machen uns irgendwann wieder auf den Heimweg. Den tropischen Regenguss nehmen wir als wohltuende Erfrischung an und kommen glücklich wieder zurück.



Es kommt anders als man denkt

Wir könnten heute Vormittag nochmal an den Strand, aber so toll war der ja nicht und wir entscheiden, lieber etwas früher in unseren nächsten Ort Arraial d’Ajuda anzukommen und gleich loszufahren. Wir fahren über eins Straße, die in Brasilien eine Autobahn ist, bei uns aber eher als große Landstraße anzusehen wäre. Es laufen immer wieder Fußgänger am Wegesrand entlang, oder Radfahrer, Eselkarren usw. Gegen Mittag sitzen wir alle gerade recht entspannt im Bus und vor uns fährt auf der Straße eine Vierergruppe Fahrrad. Als wir uns nähern reihen sie sich auch alle hintereinander ein, aber gerade als Odir überholen will, zieht der letzte nach rechts rüber und fährt unseren Bus direkt vor die Nase. Das ganze läuft vor meinen Augen wie in Zeitlupe ab – Ich sehe diesen Jungen im roten T-Shirt vor dem Frontfenster auftauchen, es rumst und nach einer scheinbaren Ewigkeit knallt er auf die Windschutzscheibe und fliegt nach hinten weg. Es herrscht entsetzte Stille im Bus und als Odir nach etlichen Metern den Bus zum stehen gebracht hat sitzen wir erstmal alle erstarrt da und können nichts sagen. Da kommen auf einmal aus allen Seiten Menschen angelaufen, nehmen den angefahrenen Jungen huckepack und legen ihn zu uns in den Bus, damit wir ihn in das nächste Krankenhaus fahren können. Der Junge ist ansprechbar, was mich schon mal etwas beruhigt. Da sich das Fahrrad unter den Bus verkeilt hat kommen wir nicht schnell genug weg und eine Frau im Kleinwagen hält an, um ihn mitzunehmen. Er steht tatsächlich auf und läuft die paar Meter zum Auto. Was dann für uns folgt ist das mühselige Mahlen der brasilianischen Behörden: Auf zur nächsten Polizeistation, zurück zur Unfallstelle, danach Fahrt zum Krankenhaus um zu sehen, wie es den Jungen geht. Große Erleichterung, als wir hören, dass er außer einigen Schnitt- und Schürfwunden und einen gehörigen Schock nichts abbekommen hat. Dann muss Odir nochmal zur Polizeistation und alles zu Protokoll geben, wir Touristen sitzen den Nachmittag in einem Straßencafé gegenüber dem Krankenhaus und schauen uns um. Aber ich glaube, wir waren für die Brasilianer die eigentliche Attraktion, immer wieder liefen sie auf der Straße an uns vorbei und musterten uns, anscheinend fragten sich alle, was europäische Touristen in so eine Gegend verschlägt. Am frühen Abend wird Odir schließlich von einer sehr schnittigen Polizeichefin „freigesprochen“, sie war überzeugt dass er nichts für den Unfall konnte (was ja auch stimmte). Wir fahren wieder beim Krankenhaus vorbei und holen den Jungen ab, um in nachhause zu fahren. Wie ein Häufchen Elend sitzt er auf dem Beifahrersitz und delegiert uns durch die Favela, in der er wohnt. Das ist ein ziemlichen Gassengewirr, unasphaltierte Straßen mit üblen Spurrillen, einfachste Häuser und ziemlich viel Elend, aber ein grandioser Fußballplatz. Das ist brasilianische Realität für gut 80% der Bevölkerung.

Hängemattentag

Wir sind erst sehr spät abends in Arraial d’Ajuda angekommen und haben einfach nur noch sehr viel Bier getrunken. Das brauchten wir alle nach diesem Tag. Der nächste Tag steht dafür ganz im Sinne des Entspannens: Die Pousada hat einen sehr schönen grünen Innenhof und vor jedem Zimmer hängen Hängematte. Nachdem wir erst etwas durch den sehr netten Ort schlendern und uns die vielen Souvenirläden näher anschauen, liege ich den ganzen Nachmittag nur noch faul in der Hängematte und beobachte die Kolibris, die um die Hibiskusblüten schwirren. Bin sogar zu faul um zum Strand zu laufen. Mir geht es gut.

  

Strand

Die geplante Bootstour fällt leider aus, da das Boot kaputt ist. Aber Patrick hat einen guten Ersatz organisiert: Mit Buggys werden wir durch das Hinterland parallel zur Küste fahren und uns nachmittags noch ein Indianerreservat anschauen. Buggys sind wie ganz einfache Geländewagen, denen aber jeglicher Komfort fehlt: Keine Federung, keine Türen, aber im Gelände ganz viel Fahrspaß. Wir heizen schön durch die Gegend, machen Am Strand halt und gammeln etwas in der Sonne rum. Ist das schön hier! So hatte ich mir das mit den brasilianischen Stränden immer vorgestellt.

   



Am späten Nachmittag fahren wir dann weiter zum Indianerreservat. Die örtlichen Indianer haben sich hier ein Stück Land von der Regierung zurück erobert und leben dort ihre Kultur. Zwei Indianer führen uns durch den Regenwald, erklären uns die Pflanzen und einige Fallen, die sie als Anschauungsobjekte aufgebaut werden. Damit werden keine Tiere mehr gefangen, aber sie zeigen wie die Indianer früher gelebt und ihr Essen gefangen haben. Der bunte Federkopfschmuck war so auch früher Alltagsbekleidung, da er bei der Jagd als Tarnung diente. Die Tiere haben den Indianer dann im Dickicht für einen Vogel gehalten.

  



Im Zentrum des Reservates stehen noch einige Hütten, dort bekommen wir die Geschichte der brasilianischen Indianer erklärt und wie sie nach vielen Streitigkeiten ihr eigenes Reservat erhalten haben. Nicht alle Stämme hatten dieses Glück. Dass es in Brasilien ein Gesetz gibt, das den Verkauf von Alkohol an Indianer verbietet finden sie gut, wie fast überall in der Welt gibt es auch hier ein Alkoholproblem bei den Indianern.

Mangels Elektrizität zünden die Kinder überall mit Brennstoff gefüllte Konservendosen an um uns Licht zu spenden, dann gibt es eine Tanz- und Gesangsvorführung. Nach anfänglichen Bedenken ist dies nicht übermäßig touristisch, sondern nett gemacht und die Gesänge sehr fesselnd. Danach wird uns noch ein indianisches Essen auf Blättern serviert, das sehr lecker ist. Der lustigste Anblick war dann aber, als am Ende dieses Tages Odir seinen Bus mit Indianer vollgeladen hat um sie zu ihrem eigentlichen Dorf zu fahren. Da prallten Moderne und Tradition aufeinander ;-)



Krebse fangen

Am nächsten morgen fahren wir mit einem Fischer in die Mangroven, dort will er uns zeigen, wie man Krebse fängt. Die Mangroven liegen zu dieser Tageszeit wegen der Ebbe „frei“, und so stapfen wir durch den knietiefen Schlamm, manchmal auch noch tiefer. Man muss etwas aufpassen wohin man tritt, der Schlamm ist mit allerlei Wurzeln durchsetzt. Manchmal sind kleine Löcher zu sehen, dort verstecken sich die Krebse und der Fischer greift bis Schulter hinein und fischt den Krebs hinaus. Das artet in einer ziemlichen Schlammschlacht aus, aber es soll ein Heilschlamm sein, der sehr gut für die Haut ist. Trotzdem finden einige die Tour recht eklig und wir gehen wieder hinaus.



Wenn wir die Krebse schon gefangen haben, müssen wir nun auch welche Essen. Ich fand es im ersten Moment recht gewöhnungsbedürftig dieses Tier zu zerschlagen und auszupulen, das Krebsfleisch ist allerdings recht lecker. Aber so viel Pulerei für so ein bisschen Fleisch – das ist mir zu fummelig.



Surfers Paradise

Weiter geht es über das Land durch Kakaoplantagen nach Itacaré, einem kleinen Urlaubsort mit vielen schönen Buchten und Backpackerunterkünften. Hier kann man tagsüber am Strand liegen und den Surfern und Capoeiratänzern zuschauen, abends streift man durch die Touristenstraße des Orts, in der es etliche Restaurants, Souvenirläden und reichlich Bars gibt. Dort kann man dann mit einem Caipirina in der Hand sitzen und den Capoeiramusikern zuhören und Leute beobachten. So gefällt mir der Urlaub auch!

    

Aber wir liegen natürlich nicht nur auf der faulen Haut. Wir besuchen einen Klettergarten, der sich in den Baumgipfeln des Küstenregenwaldes befindet. So hangeln wir uns dort von Station zu Station und haben zwischendurch immer wieder Ausblick auf eine der schönen Buchten. Nur nach unten gucke ich lieber nicht, denn die Baumgipfel sind hier ganz schön weit oben…



Wir machen auch noch ein Rafting, vor das ich erst etwas Angst hatte. Aber es macht total viel Spaß! Zwischendurch klettern wir noch einen Felsen hinauf, der von oben dann doch viel höher erscheint als von unten. Aber das Wasser ist hier angeblich 30 Meter tief und so gebe ich mir einen Ruck und springe hinunter. Am letzten Wasserfall kentern wir dann, was ich nicht so wirklich witzig fand, da ich in einen Sog hineingerate, der mich immer wieder nach unten zieht. Einer der Guides fischt mich aber schnell hinaus, so dass ich nicht allzuviel Wasser schlucke.

On the Road

Ein langer Fahrtag bringt uns ins Landesinnere in die Chapada Diamantina. Wir fahren 12 Stunden, aber es gibt unterwegs soviel zu gucken dass mir gar nicht langweilig wird. Und woher diese vielen Lastwagen auf den Straßen kommen (und wohin die alle wollen) ist uns ein Rätsel. Gegen Abend versucht Patrick an eine Raststätte noch Bier für uns aufzutreiben, aber in Brasilien ist der Verkauf von Alkohol an größeren Straßen verboten. Also greifen wir auf unseren Cachaca zurück, den wir lauwarm mit Cola trinken. Naja, geht auch.



Maria Bonita

Spät abends in Lencois angekommen falle ich nur noch ins Bett. Nach einem leckeren und ökologisch korrekten Frühstück am nächsten morgen werden wir von dem Österreicher Adagar abgeholt, der uns sein Mädchenhilfsprojekt „Maria Bonita“ vorstellt. Mitten in der Favela von Lencois hat er Mädchen, die in ihren Familien von Gewalt und Gleichgültigkeit umgeben sind einen Zufluchtsort geschaffen. Die Basis ist ein abendliches Handballtraining, in dem die Mädchen lernen gemeinsam Ziele zu verfolgen und erste Erfolgserlebnisse zu haben. Darauf bauen Gesprächsrunden auf, in dem Alltagssituationen beschrieben werden und wie sie damit umgehen können. Delsa ist mittlerweile 27 Jahre alt und war eines der ersten Mädchen die in dem Projekt mitgearbeitet haben. Dunkelhäutige Frauen stehen in der Hierarchie in Brasilien ganz weit unten, aber dieses Projekt hat ihr geholfen stark genug zu werden und sich in einer diskriminierenden Machogesellschaft durchzusetzen. Sie berichtet von ihrem Leben in der Favela und in ihrer Familie, in der sie so etwas wie ein Oberhaupt geworden ist, da sie die einzige ist, die gelernt hat Dinge zu hinterfragen und somit eine gewisse Problemlösungskompetenz hat.

Danach laufen wir noch etwas durch das Ortszentrum, ein wunderschöner kleiner Ort mit vielen so typischen bunten Häusern. Zu Mittag essen wir in einem Kilorestaurant, die es in Brasilien überall gibt: Man füllt am Buffet seinen Teller uns an der Kasse wird nach Gewicht bezahlt. Zur Krönung gibt es dann noch ein Eis aus der Kiloeisdiele, die nach demselben Prinzip funktioniert.

Nachmittags starten wir dann zum eingewöhnen unsere erste kleine Wanderung. Die Chapada Diamantina ist ein Wandermekka mit vielen Wasserfällen, und direkt am Ortsrand geht es einen Berg hinauf, der von reichlich Wasserläufen und natürlichen „Schwimmbecken“ durchsetzt ist. Hier waschen die Familien ihre Wäsche (mit biologischer Seife) und planschen nebenbei im Wasser rum. Alle scheinen viel Spaß zu haben und die Welt von Delsa aus den Favelas die wir vormittags kennengelernt haben scheint hier nicht zu existieren.



Am nächsten Tag dann wird es schon etwas anstrengender: Wir wandern mit unserem lokalen Guide Ivan einen Flusslauf entlang, als Ziel wird uns ein Wasserfall angekündigt. Der Weg ist bald kein Weg mehr, sondern wir klettern über riesige Felsbrocken, suchen uns den besten Weg selber aus und hangeln und springen von Fels zu Fels. Was für ein Spaß! Unterwegs halten wir immer wieder an kleineren Wasserfällen und –becken an, in denen wir kurz baden und uns erfrischen können. Mittags erreichen wir dann einen tatsächlich sehr beeindruckenden Wasserfall, an dem wir ausgiebig baden und picknicken. Ein Brasilianer sitzt dort mit zwei Kühlkisten und verkauft kalte Getränke. Diese Kühlkisten schleppt er jeden Tag vom Ort den nicht existierenden Weg zu dem Wasserfall um dort dann unter einen Sonnenschirm zu sitzen und die Dosen an die Touristen zu verkaufen. Davon bin ich so beeindruckt, das ich gerne den kleinen Aufpreis für die Cola bezahle, obwohl ich darauf gerade gar keinen Appetit habe.



Während wir alle dort entspannt in der Sonne dösen, kommen wir auch zu dem Schluss, dass für diese Wanderung unbedingt hohe Wanderstiefel notwendig sind, die Strecke kann man doch gar nicht anders bewältigen. Genau in diesem Moment kommt eine Brasilianerin mit Handtasche und in Flipflops vorbei. Verwundert frage ich Ivan, ob es noch einen anderen (einfacheren) Weg zu diesem Wasserfall gibt. Aber er verneint, sie hat denselben Kletterweg genommen wie wir. Respekt.

Auf dem Rückweg kommen wir noch an einem Wasserfall vorbei, an dem das Wasser über einen schrägen Felsen in ein Wasserbecken fließt. Dieser eignet sich hervorragend als natürliche Wasserrutsche, was auch von etlichen Touristen genutzt wird. Wir schauen den Jungs zu und brechen in herzhaftes Gelächter aus, als einem auf dieser doch recht buckligen Rutsche die Badehose zerfetzt wird.

Dieser schöne Tag wir mit mehreren kalten Bieren auf dem zentralen Platz von Lencois beendet und am nächsten Morgen schnüren wir unsere Stiefel diesmal gleich für zwei Tage. Mit Zelt, Isomatte und Proviant auf dem Rücken stiefeln wir direkt von Lencois aus los. Die ersten Kilometer laufen wir durch flaches und eintöniges Gelände und werden von den Moskitos fast aufgefressen. Ich breche mir schon einen buschigen Zweig von einem Baum ab und umwedel mich damit permanent, sehr viel bringt das aber nicht. Sowie wir dann aber in etwas höhere Höhen kommen sind die Moskitos schlagartig weg.



Die Chapada Diamantina ist ein ehemaliges Diamanten Abbaugebiet und erst seit Mitte der 80er Jahre ein Nationalpark. Da die Schürfer viele Gräben in das Gebiet geschlagen haben, durch die sie Wasser geleitet haben um den Schlamm nach Diamanten durchzusieben, ist dieses Gebiet von vielen tiefen Gräben durchzogen. Und überall wo die Schürfer ihre Hütten errichtet hatten stehen Mangobäume, da sie die Mangokerne überall hingeworfen habe. Wir freuen uns darüber und sammeln die Mangos vom Boden auf. Sind die lecker! Ich sammele eine Mango auf, die so richtig schön gelb ist, in deutschen Supermärkten würde man so etwas gar nicht finden. Aber Ivan nimmt sie mir wieder weg und sagt, die wäre noch nicht gut. Ich solle die nehmen, die schon kleine schwarze Punkte haben, die sind dann richtig reif. Und er hat recht. Ich erzähle ihm, dass wir in Deutschland solch Mangos wegschweißen würden, da wir sie für vergammelt halten würden, da schüttelt er nur ungläubig den Kopf.

Nach etlichen Kletterpartien in der prallem Sonne kommen wir nachmittags an unserem Tagesziel an: Der ehemaligen Höhle von Ivans Vater, die hier nach Diamanten gesucht hat und die Woche über in der Höhle gelebt hat, da der Weg in den Ort zurück für jeden Tag zu weit war. Diese Höhle hat einen kleinen Vorplatz, von dem aus wir eine wunderschöne Aussicht auf die Berge haben. Dort zündet Ivan das Feuer auf der Kochstell an um unser Abendessen vorzubereiten. Wir bauen während dessen unsere Zelte auf und benötigen dann ganz dringend eine Dusche. In der Nähe soll es einen kleinen Wasserfall geben an dem wir baden können und Patrick will uns dorthin führen. Nun gibt es in dieser Gegend aber gar keine Wege, es ist die absolute Wildnis. Und obwohl Patrick als Reiseleiter schon etliche Male hier war, verlaufen wir uns. Man sollte also nie ohne Guide loslaufen… Zum Glück sind wir ja aber nicht so weit von Camp entfernt, Patrick stellt sich auf einen Felsen und ruft laut nach Ivan, schließlich hört er uns auch und holt uns ab. An einen kleinen Busch sind wir einfach falsch rum um einen Felsen gelaufen und schon war de ganze Orientierung dahin. Da wir nach dieser herumirrerei doch ganz schön müde sind, nehmen wir einfach einen kleinen Wasserlauf neben dem Camp. Um den versprochenen Wasserfall zu ersetzen füllt Patrick Wasser in einen Eimer und gießt ihn uns über den Kopf. Auch gut, aber Hauptsache Wasser und den ganzen Schweiß und Sonnenmilchreste abwaschen! Und Spaß haben wir bei der Aktion auch noch…

  



Abends erleben wir in dieser absoluten Abgeschiedenheit dann den spektakulärsten Sternenhimmel den ich je gesehen habe. Leider werden wir dabei von Unmengen Moskitos gepiesackt, so dass wir doch recht schnell im Zelt verschwinden. Nachts höre ich noch ein Tier um unser Zelt schleichen, und es hört sich nicht gerade klein an… Im Zelt fühle ich mich sicher, aber ich bin froh nicht gerade auf Toilette zu müssen.



Am nächsten Morgen geht es früh weiter durch diese felsige Landschaft. Der Rucksack fühlt sich auch auf einmal viel leichter an. Wir kommen an einigen schön blühenden Orchideen vorbei und machen wieder halt an einen Wasserfall. Aber ganz ehrlich – langsam reicht es mit den Wasserfällen. Bin ich Anfangs jedes Mal in Begeisterung ausgebrochen, reicht es jetzt nur noch für ein anerkennendes „Oh ja, ganz schön“. Die Mittagshitze überbrücken wir an einen kleinen Naturpool mit fantastischer Aussicht, danach geht es zurück nachLencois. Diesmal lassen wir uns von einem Jeep abholen, um die letzen Kilometer nicht wieder von den Moskitos aufgefressen zu werden. Das ist dann auch eine richtige Geländefahrt durch Schlaglöcher und Flussläufe, die richtig viel Spaß macht.

Ein letzter Ausblick

Wir verlassen Lencois nicht, ohne noch einmal Stop an dem Pai Inacio zu machen, einem Tafelberg von dem man eine spektakuläre Aussicht hat. Da wir recht früh sind haben wir dieses Plateau ganz für uns alleine, die Vögel zwitschern und ein frischer Lufthauch umweht uns. Ist das schön hier! Als wir uns schließlich von dieser schönen Landschaft trennen und wieder absteigen kommt uns eine Gruppe angehender brasilianischer Reiseleiter entgegen, die laut schnatternd und rufend den Berg hoch klettern. Die Lektion „respektvoller Umgang mit der Natur“ steht bei denen hoffentlich noch auf dem Lehrplan.



San Salvador de Bahia

Nach fast drei Wochen Landleben und Beschaulichkeit kommen wir nun durch die unvermeidlichen Favelas in die Millionenmetropole San Salvador hinein. Und schon sind wir wieder von Kriminalität umgeben. San Salvador ist eine der gefährlichsten Städte Brasiliens, laut Statistik geschehen hier 23 Morde pro Wochenende. Wir bekommen eingeimpft keinen Schmuck zu tragen, keine Armbanduhren, keine großen Kameras. Nicht alleine durch die Straßen laufen, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Das ist ja gar nicht nach meinem Geschmack.



In der berühmten Altstadt stehen aber alle 200 Meter Polizisten in Kampfausrüstung und passen auf, das niemand überfallen wird, hier fühle ich mich also recht sicher. Die Altstadt ist wunderschön, wir besichtigen ein Kloster und einige Kirchen und schlendern den Nachmittag durch die Gassen und sitzen in einen Straßencafé und schauen einfach die Leute an. Hier sind an jeder Ecke Galerien, die Bilder mit typischen bahianischen Motiven verkaufen. Ich setze mir ein ganz bestimmtes Motiv in den Kopf und klapper sämtlicher Galerien ab, bis ich es finde. Dabei bemerke ich, dass es wirklich unzählige dieser Galerien gibt, die im Großen und Ganzen alle dieselben Bilder verkaufen und ich frage mich, ob es tatsächlich soviele Touristen gibt, die die Gemälde kaufen. Aber anscheinend kann man davon Leben.



Eigentlich sollten wir selbst einen Capoeirakurs machen. Da es heute aber so extrem heiß ist, verweigern wir uns geschlossen und Patrick organisiert den Besuch einer Capoeiravorführung. Die ist auch richtig mitreißend und ich verlasse die Capoeiraschule tief beeindruckt von diesem akrobatischen Sport, der früher den Sklaven diente sich heimlich fit zu halten.



Den letzten Tag vergammele ich am Pool. Ich könnte zum Strand gehen, aber der ist rappelvoll, nicht besonders schön und vor allem gibt es dort keinen Schatten. So liege ich auf der Dachterrasse unter einen Sonnenschirm, lese mein Buch und lasse in Gedanken die Reise Revue passieren. Ich bin total entspannt. Abends haben wir unser Abschiedsessen in einer Bar mit Livemusik. Das ist zwar etwas unkommunikativ, da es halt recht laut ist, aber die Musik ist doch so typisch für dieses Land. Ein letzter Caipirina und dann geht es am nächsten morgen auch schon zum Flughafen.



Reiseveranstalter: aventoura